Strassen

Wurzen ehrt seine Retter

Der Stadtrat der Stadt Wurzen hat in seiner Sitzung am 30. April 2019 dem Antrag der CDU-Fraktion bei 2 Gegenstimmen und 2 Enthaltungen mehrheitlich zugestimmt. Hier der Antrag und die Begründung im Wortlaut:

Beschlussvorschlag:

1.

Der Stadtrat der Stadt Wurzen würdigt die Verdienste und beschliesst die Ehrung von Dr. Armin Graebert, Otto Schunke und Kurt Krause als drei der sog. „fünf Retter von Wurzen“.

2.

Die Ehrung erfolgt durch die Benennung dreier Strassen ausdrücklich nach den Namen der genannten Personen.

Diese ist bei den nächsten Strassenneu- oder umbenennungen, welche im Bereich der Kernstadt der Stadt Wurzen vorgenommen werden, beginnend mit Dr. Armin Graebert, bevorzugt zu berücksichtigen.

Begründung:

Dr. Armin Graebert, Pfr. Franz Wörner, Pfr. Carl Magirius, Otto Schunke und Kurt Krause werden aufgrund ihrer Verdienste für die Stadt Wurzen während der letzten Kriegstage 1945 als die sog. „fünf Retter von Wurzen“ bezeichnet.

Am Vorabend des 24. April 1945, als die amerikanischen Truppen bereits am westlichen Ufer der Mulde in Bennewitz standen, war Wurzen in grosser Gefahr, durch Artilleriebeschuss und Bombardierung zerstört zu werden.

Nur durch den persönlichen Einsatz der genannten Personen konnte die Zerstörung der Stadt Wurzen verhindert und deren kampflose Übergabe an die Alliierten ohne zivile Opfer in der Bevölkerung ermöglicht werden. Die genannten mutigen Bürger Wurzens setzten ihr Leben dafür ein, dass ihre Mitbürger leben konnten. Wurzen verdankt ihnen den Erhalt der historischen Innenstadt sowie der Gebäude der städtischen Infrastruktur.

Heinz Gey schreibt im Vorwort seines Buches "Wurzens Schicksalstage": "Es ist faszinierend, dass Menschen unterschiedlicher Weltanschauung und politischer Standorte zusammenfanden und bereit waren, ihr Leben einzusetzen, um unser Wurzen vor dem Untergang zu bewahren. Ein wunderbares Beispiel menschlicher Größe!"

Die Stadt Wurzen ehrte bereits Pfr. Franz Wörner und Pfr. Carl Magirius durch die Benennung zweier Strassen nach ihnen im Wurzener Stadtgebiet.

Eine entsprechende Ehrung von Dr. Armin Graebert, Otto Schunke und Kurt Krause erfolgte bislang nicht.

Diese ist aufgrund ihrer Verdienste angezeigt und im beantragten Rahmen angemessen.

Zu den zu ehrenden Personen wie folgt:

Dr. Armin Graebert

Armin Graebert wurde 1898 geboren. 1926 promovierte er zum Doktor der Rechts- und Staatswissenschaften. Seit Juli 1939 amtierte er als Oberbürgermeister in Wurzen. Armin Graebert war ein hochgebildeter, Kultur und Kunst liebender und lebender Mensch. Die von ihm geförderte Wurzener Kunstausstellung wurde weithin in Deutschland bekannt, bis sie dem "totalen Krieg" nach 1943 zum Opfer fiel. Er selbst artikulierte, das schwerste Los aller bisherigen Wurzener Rathaus-Chefs gezogen zu haben. 1944/45 spitzte sich die ohnehin desolate Lage in Wurzen infolge unzähliger Fliegeralarme weiter zu. Die Flüchtlingswellen hatten die Einwohnerzahl Wurzens ansteigen lassen, alle Bürger zu versorgen, war Graeberts Hauptaufgabe in diesen Zeiten. Im entscheidenden Kriegsmonat April 1945 führte er die Kapitulationsverhandlungen und bewahrte Wurzen und seine Bürger unter Einsatz seines Lebens vor Tod, Leid und Zerstörung. Am Vorabend des 24. April 1945 verliessen die Funktionäre der NSDAP die Stadt fluchtartig. Der vormalige Kampfkommandant hatte dem fordernden Drängen Oberbürgermeister Dr. Graeberts nachgegeben, die Stadt zur Lazarettstadt zu erklären und gemeinsam Verhandlungen mit den Amerikanern anzubahnen, doch dazu kam es nicht. Erst mit dessen Abgang war der Weg frei für Dr. Graebert, seine Entscheidung zu treffen. Am 24. April 1945 erlebte Wurzen seinen eigentlichen "Tag der Be-freiung". Oberbürgermeister Dr. Armin Graebert übergibt dem amerikanischen Bataillons-kommandeur Major Victor George Conley die Stadt kampflos. Er begab sich hierzu, nachdem er die Stadt Wurzen mit weissen Flaggen beflaggt hatte, nach Bennewitz, wo er mit amerikanischen Offizieren zusammentraf. Nach seinen Worten erkundigte sich Major Conley nach der Haltung der Bevölkerung gegenüber amerikanischen Soldaten, für die er Dr. Graebert persönlich verantwortlich machte. Graebert versicherte, durch die Wurzener würde den Amerikanern nichts geschehen, sie wüssten alle, das Widerstand zwecklos sei und wünschten die Erhaltung ihrer Stadt sowie ihrer Familien und ihrer Habe. Daraufhin fuhren Dr. Graebert mit dem Major und einigen anderen Amerikanern ins Stadthaus, wo im Dienstzimmer des Oberbürgermeisters die entscheidenden Verhandlungen über Wohl und Wehe der Stadt geführt wurden. Graeberts Tat hat Menschen, Gebäude, materielle und geistig-kulturelle Werte der Stadt Wurzen gerettet. Mit Otto Schunke, Kurt Krause und anderen organisierte der Oberbürgermeister jetzt das Alltagsleben in Wurzen jenseits jener bedrückenden Atmosphäre von Angst und Schrecken. Dr. Graebert wurde nach dem berüchtigten Stalin-Befehl am 18. Mai 1945 inhaftiert. Einziger Vorwurf: Bürgermeister während der Nazi-Herrschaft gewesen zu sein. Er starb im Februar 1947 im sowjetischen Speziallager Jamlitz bei Brandenburg.

Weitere Anmerkungen:

Wenn über Dr. Armin Graebert behauptet wird, er sei an der Verfolgung jüdischer Menschen in Wurzen im Jahre 1938 beteiligt gewesen, so ist dies nachweislich falsch. Ehe er nämlich im Juli 1939 Oberbürgermeister wurde lebte und amtierte er seit 1937 als Kämmerer in Weimar.

Ferner wird Dr. Armin Graebert aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft von Kritikern als „Nazi“ und insofern als „nicht ehrenwürdig“ eingeordnet. Hierzu wie folgt: Graebert war kein Nazi im Sinne der faschistischen Ideologie. Er war parteilos als man ihn über eine soziale Bürgervereinigung für die Kommunalpolitik gewann. Dass er 1935 doch der NSDAP beitrat, war seinem Irrglauben an deren Heilsversprechen geschuldet, Arbeit, Lohn und Brot, gutes Wohnen für alle zu sichern. Genau diese Propaganda-Losungen, von Millionen Deutschen ernst genommen, entsprachen auch Graeberts sozialen Ideen und Handlungsmaximen. Im April 1945 erwies sich seine formelle Zugehörigkeit zur NSDAP letztlich „als Glücksfall“ für Wurzen, denn nur so wurde er als offizielle Amtsperson des Oberbürgermeisters von den Amerikanern als einzige gesellschaftspolitische Autorität akzeptiert, um mit ihm in Kapitulationsverhandlungen einzutreten. Armin Graebert hatte das Vertrauen seiner Bürger. Eher als andere schätzte der Oberbürgermeister die Kriegssituation und die kommende Niederlage Hitler-Deutschlands realistisch ein. Nazi-Propaganda vom Endsieg betrieb er nicht. Am 29. April 1948, drei Jahre nach der von Graebert realisierten kampflosen Übergabe Wurzens, hatte sich der "Antifaschistisch-Demokratische Block" Wurzens unter Führung der SED daher auch an die sowjetischen Behörden gewandt, um Dr. Armin Graeberts Entlassung aus unrechtmäßiger Lagerhaft zu erwirken. In dem Schreiben heißt es: "Der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Armin Graebert hat sich während seiner sechsjährigen Amtszeit keinerlei Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Sein Handeln war in jeder Beziehung gerecht und anständig. (...) Dr. Graebert hat zur Erhaltung Wurzens und zur Vermeidung unsinniger Menschenverluste beigetragen, während die Naziführer es vorzogen, im gegebenen Augenblick die Flucht zu ergreifend". Die russischen Behörden rehabilitierten Dr. Graebert im Jahre 1995 vollständig von den gegen ihn nach dem Ende des Krieges erhobenen Vorwürfen. Die bundesdeutsche Justiz zog sodann im Jahre 1996 nach und sprach den Oberbürgermeister, der willkürlich und ohne Prozess inhaftiert und nie verurteilt worden war, umfassend von allen Vorwürfen frei.

Eine offizielle Ehrung von Dr. Armin Graebert durch die Stadt Wurzen hat es nie gegeben.

Otto Schunke

Von den 5 Rettern Wurzens 1945 ist Otto Schunke wohl der Unbekannteste. Otto Schunke wurde 1897 in Wurzen geboren. Der Tapetendrucker engagierte sich seit 1919 in der SPD. Während der Weimarer Republik gehörte er zu den führenden Sozialdemokraten Wurzens. 1932/33, als die Nazis an die Macht kamen, war Schunke sogar Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Wurzen. Während der Nazizeit stand Otto Schunke als offener Gegner der Hitlerdiktatur unter ständiger Polizeiaufsicht. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er im KZ Oranienburg eingekerkert. Hier nahm er Kontakt auf zur antifaschistischen Widerstandsgruppe Schumann-Engert-Kresse. An der unblutigen Kapitulation Wurzens hatte Otto Schunke großen persönlichen Anteil. Oberbürgermeister Dr. Armin Graebert beriet mit ihm die Maßnahmen vor, während und nach der Übergabe der Stadt an die Amerikaner. Schunke hatte selbstlos mehrfach sein Leben eingesetzt, als er Zündleitungen zur Sprengung der Brücken nach Bennewitz zerschnitt und die Wurzener vom Bau von Panzersperren in der Innenstadt abhalten wollte. Nach Graeberts Verhaftung bis zum Amtsantritt Georg Boocks im Sommer 1945 stand Otto Schunke als kommissarischer Oberbürgermeister an der Spitze der Stadtverwaltung. Seine kurze Amtszeit nutzte er intensiv, das Leben der Wurzener nach dem Kriegsinferno erträglicher zu machen. Bis 1946 blieb er als Zweiter Bürgermeister in führender Position. Otto Schunke starb 1958.

Eine offizielle Ehrung für Otto Schunke durch die Stadt Wurzen hat ebenfalls bislang nicht gegeben.

Kurt Krause

Kurt Krause wurde 1911 geboren. Als gelernter Tischler kam er bereits 1933 wegen "kommunistischer Wühlarbeit" ins KZ Colditz-Sachsenburg Honstein. Die Nazis hatten ihn wegen illegaler Verteilung aufrührerischer Flugblätter eingesperrt: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!" Kurt Krause musste schwerste Folterungen erleiden. Nach seiner Entlassung aus dem KZ 1934 stand Kurt Krause bis 1945 unter ständiger Polizeiaufsicht und unter der Beschattung der NSDAP. Der Kommunist schwamm am 18. April 1945 durch die Mulde, um unter Einsatz seines Lebens Oberbürgermeister Graeberts Kapitulationsangebot dem amerikanischen Bataillonskommandeur Victor Conley zu überbringen. Nach dem Krieg produzierte er kleingewerblich Nägel und blieb Zeit seines Lebens ein Aktivist für das Wohlergehen der kleinen Leute. Wurzen verdankt ihm das Entstehen von 108 Neubauwohnungen bis 1970 und 128 Garagen bis 1973. Kurt Krause starb 1989.

Auch dieser aktive Gestalter des öffentlichen Wurzener Lebens wurde bislang nicht geehrt.

Quellen:

Dr. Wulf Skaun, Geschichts- und Altstadtverein Wurzen

Rede bei der Ökumenischen Andacht zum Kriegsende in Wurzen am 24. April 2018

in der Stadtkirche St. Wenceslai Wurzen

Heinz Gey

Wurzens Schicksalstage – Die letzten Kriegstage in Wurzen, Druckerei Bode GmbH